Samstag, 3. Juli 2010

Fetzen #6

"Der Regen praselte auf mich herab. Es war ein wahrer Wolkenbruch und ich versuchte erst gar nicht mich irgendwo unterzustellen. Nein, ich blieb einfach vor dem Eingang des Clubs stehen und starrte auf den Boden. Meine langen Haare hingen in nassen Strähnen an mir herab. Mein schwarzes Kleid sog sich voll mit Wasser und wurde ganz schwer. Selbst in meine Schuhe drang der Regen. Mir war das egal.
Mich kümmerten auch nicht die Blicke der Passanten die eilig vorbei huschten oder die der anderen Clubbesucher. Ich blieb stehen im Regen und genoß jede einzelne Sekunde.
Ich hob meine Hände nach oben und lächelte. Das war der beste Moment seit langem. Vergessen war das beklommene Gefühl, dass ich verspührte als ich zwischen all diesen feiernden Menschen stand. So fehl am Platz.
Der Regen liess nach, hörte aber nicht ganz auf. Ich wandt meine Haare aus und macht mich auf den Weg den meine Füße schon automatisch kannten, da ich ihn immer nach einem Abend wie diesen einschlug.
Die Stadt in der ich lebte war weder besonders groß, noch besonders klein und an diesem Abend herrschte ein reger Straßenverkehr.
Ein Auto das zu nah am Gehweg fuhr, besudelte mich von oben bis unten nochmals zusätzlich mit Wasser. Das Geräusch des herabfallenden Regens und der vorbei fahrenden Autos trug mich immer weiter und weiter vorbei an einer Tankstelle und einem geschlossenen Tante-Emma-Laden bis ich vor dem Mehr-Familienhaus aus den 60ern stehen blieb, das mein Ziel wahr.
Noch einmal versuchte ich meine Haare aus zuwenden und blickte an mir herab. Schlapp und schmutzig hing mein Kleid an mir und ich war durch geweicht bis auf die Knochen.
Ich zögerte kurz bevor ich die Klingel betätigte. Ein Blick auf das zweite Stochwerk verriet mir, dass da oben noch Licht brannte und mit etwas Phantasie konnte ich die Musik hören.
Dreimal musste ich klingeln bis sich die Tür öffnete und ich ins Treppenhaus eintratt. Es war dunkel und ohne den Lichtschalter zu betätigen erklom ich die Treppe hinauf in den zweiten Stock.
Ich war nicht dafür bekannt besonders gesprächig zu sein, meistens war ich einfach da. Ich gehörte einfach dazu. Man kannte mich und ich kannte die anderen.
Als ich vor der Tür stand bemerkte ich sofort die große Anzahl an Schuhen die um die Fußmatte verteilt waren. Chucks, Vans, High Heels und Ballerinas.
Ich schlüpfte aus meinen schwarzen Ballerinas, die inzwischen völlig durch geweicht waren, und stellte sie zu den anderen.
Ich musste noch ein paar mal Klopfen bis mir auch hier die Türe geöffnet wurde.
Ein Junge lächelte mich mit breitem Grinsen an. Vermutlich völlig dicht oder breit, wenn nicht sogar beides.
Die Bude war voll, so weit ich das vom Flur aus beurteilen konnte. Es war verraucht und laut. Aber angenehmer als im Club. Ich atmete das alle ein, denn das war mein Leben.
Wir waren jung, wir waren anfang zwanzig. Verdammt nochmal, wir mussten einfach Party machen. Es war unsere verdammte Pflicht. Wir konnten nicht anders als zu trinken, zu rauchen und Spaß zu haben. Vielleicht ist das ja klischeehaft, aber wir lebten jetzt und würden wir unser Überlebenselexier am Wochenende verpassen, würden wir es spätestens mit mitte 30 vermissen und bereuen, nie ein Teil davon gewesen zu sein.
Hingen im Flur noch die typischen Jamaika-Flaggen mit Hanf-Motiv, so war das Wohnzimmer zumindest ein Hauch stillvoller eingerichtete. Ich lächelte einem kleinen Ian Curtis Poster zu, dass an der Wand in einer Reihe mit Fotos anderer toter Berühmtheiten hing. Bekannte Gesichter nickten mir zu, zwei Mädchen sprangen auf und ab und verschütteten so ihren ganzen roten Wodka auf dem Teppich.
Der Couchtisch war verklebt, vermutlich von der Cola, die man hier mit allem mischte. Jack Daniels, Wodka, Jägermeiser, das war egal.
Der Gastgeber, mein ehemaliger Banknachbar aus der Schule, lag wie tot auf dem Sofa.
Ich setzte mich dazu, fingerte aus meiner ebenfalls klatschnassen Tasche eine Schachtel Zigaretten hervor, die zwar etwas feucht waren, und steckte mir eine davon an."

to be continued...



Keine Geschichte kann ohne Musik entstehen. Der Soundtrack zu Fetzen besteht größtenteils aus Brand New und Joy Divison.

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